Donnerstag, 21. Mai 2009

BONBONNIÈRE (37)

Die Bundesversammlung ist sonderbar, sogar für die Gelehrten, denn einmal nur alle fünf Jahr’ entdeckt man ihre Fährten. An diesem Samstag ist es mal wieder so weit, die 13. Bundesversammlung wird zur Wahl des Bundespräsidenten zusammentreten. Und nachher will’s wieder keiner gewesen sein.

Die Bundesversammelten (?) haben die Wahl zwischen denselben beiden Kandidaten wie vor fünf Jahren, „bereichert“ wird das Tableau durch den abgehalfterten Abort-Kommissar Peter Sodann für die Linkspartei und Dumpfklampfer Frank Rennicke für NPD und DVU. Anders als vor fünf Jahren gilt die Wahl als relativ offen: CDU/CSU und FDP verfügen nur über 604 Sitze; um die zur Wiederwahl Köhlers nötigen 613 zusammenzukriegen, sind sie auf die 10 Vertreter der Freien Wähler angewiesen. Ursprünglich hatte zu diesen auch CSU-Renegatin Gabriele Pauli gehört, die aber von SPD-Kandidatin Schwan so angetan war, dass sie sich lieber selbst absägte. Und führe uns nicht in Versuchung…. Wo kämen wir denn hin, wenn Freie Wähler frei wählen würden, noch dazu am 60. Jahrestag des Grundgesetzes? Nicht auszudenken, was passieren könnte.

Schon orakelt ihr Chef Aiwanger, seine Leute sollten verleumdet werden, indem einige Unionisten im ersten Wahlgang statt Köhler Schwan wählten. Nicht etwa, weil sie – Gehirnfurz – Schwan mit Schavan verwechseln und es als gute Christen spontan für einen Akt der Nächstenliebe halten könnten, die blasse Forschungsministerin (ach, Bildung macht die auch?) von ihrem Leiden zu erlösen (mit Glos hatte man ja auch ein Einsehen). Sondern um die Schuld an Köhlers Scheitern im 1. Wahlgang den Freien Wählern in die Schuhe zu schieben und so „zwei Wochen vor der Europawahl Taktik um drei Ecken“ zu spielen. Auch wenn man trotz mehrfachen Nachzählens nur auf zwei Ecken kommt, denkt man zunächst, Aiwanger könnte da erst Leute auf eine Idee gebracht haben, die sie selbst nie hätten ausbrüten können. Aber solche Hinterfotzigkeiten werden bei der CSU seit Zeiten von Franz-Josef Strauß auf jeder Nachwuchskaderschulung eingeübt. Bei so viel Training ist man Aiwanger da mühelos eine Ecke voraus: Statt Schwan Rennicke wählen – das ist Verleumdung. Das sind drei Ecken!

Doch auch die Union ist vor Spielchen über Bande nicht gefeit: Die Sozialdemokraten, von denen ja ohnehin einige mit Schwans Kandidatur nicht ganz happy sind, könnten ebenfalls Rennicke wählen. Kriegt Rennicke mehr als sechzehn Stimmen, reichen NPD, DVU, Fraktionslose und Freie Wähler nicht mehr als Erklärungspotenzial. Dann geht es – vier Ecken – an die Glaubwürdigkeits-Substanz der Union. Die würde dann besser daran tun, nicht für Rennicke zu stimmen, da die Verleumdung der Freien Wähler ja dann schon von der SPD mitbesorgt wird und sie sich somit nur selbst schaden würde, und stattdessen – fünfte Ecke – mit einem Votum für Sodann die SPD in große Verlegenheit zu bringen, die nur noch durch eine tatsächliche Wahl Schwans gesteigert werden könnte. Die die SPD letztlich kaum verhindern wird können, die Stimmen von CDU/CSU, FDP und Linken reichen hierzu aus. Ecke Nummer sechs.

Auch wenn Köhler als Favorit gilt, ist das Resultat der ersten beiden Wahlgänge vollkommen offen, es wird davon abhängen, wer in welchem Ausmaß welche Taktik fährt. Am Ende könnte Deutschland – ups! – mit einem Präsidenten Sodann oder Rennicke da stehen. Nur Köhler hat eigentlich keine Chance, weil man mit seiner Wahl niemanden reinreiten kann. Sollte das Ergebnis letztlich „vorhersehbar“ ausfallen und eine „Überraschung“ ausbleiben, dann, weil jemand (vielleicht die Linkspartei?) doch einen Weg gefunden hat. Und sich die ganzen taktischen Stimmen im Endeffekt aufheben. Die Medien werden dann nichts zu berichten haben, die Beteiligten hingegen etwas verdattert im Reichstag sitzen und die Münder nur aufgrund der Anwesenheit der Kameras hoffentlich schnell wieder zukriegen. Erst in einigen Jahrzehnten werden dann die Ersten ihr Schweigen brechen, und es wird eine großartige Aufgabe für Geschichts-Doktoranden werden, die wirklichen Vorgänge zu rekonstruieren.

So aber steht Köhler vor der nahezu sicheren Abwahl. Dabei sind 80 Prozent der Deutschen zufrieden mit seiner Arbeit. Das ist die Formulierung in den Umfragen. In Wirklichkeit haben 80 Prozent der Deutschen keine Ahnung von seiner Arbeit. Wie ja auch Köhler 2004 selbst keine Ahnung davon hatte, er dachte, es wäre okay, wenn man als Präsidentschaftskandidat schon mal seine Wunschkoalition bekannt gibt. Und dass man als Präsident die Auflösung des Bundestags hinreichend dramatisch unterfüttern muss. Heute sagt Köhler, er würde diese Rede heute nicht mehr so halten. Das ist in etwa so, als ob ein Schauspieler drei Akte lang hinter der Bühne wartet, dann, statt seinen großen Monolog zu halten, auf die Bühne kotzt, und zwei Monate später zugibt, dass sein Auftritt an jenem Abend eventuell suboptimal gelaufen ist. Aber 80 Prozent der Deutschen finden ihn einfach dufte, weil er so tapsig ist. Knut fanden die Deutschen ja auch einfach dufte. Also, Volkswahl – und ein Eisbär als nächster Präsident?

Man muss das Kind ja nicht gleich mit dem Bade ausschütten. Zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes sollte die Wahl des Bundespräsidenten gemäß des bewährten Wahlverfahrens des Grand Prix Eurovision de la chanson umstrukturiert werden: „Änd süs üs sö riesalt of ße Mecklenburg-Vorpommeranian vöht: Horst Köhler… twelve points, ’orst Kölère douze points.“ (vb)

Freitag, 10. April 2009

BONBONNIÈRE (36)

Das Prinzip Hoffnung. Was könnte es besser verkörpern als das Ei? Das Ei als Hoffnungsträger ist wesentlich älter als Karl-Theodor, Barack und alle Derivate dieser Welt. Sogar älter als die größte Hoffnung des Abendlandes, die wie das Ei derzeit wieder in Aller Munde ist. Als Symbol für Fruchtbarkeit und neues Leben trotzt es dem Trend. Eier haben Hochkonjunktur, zuverlässig, jedes Jahr, dem Kirchenkalender folgend. Auch hier bleiben Probleme indes nicht aus. Die Eier könnten knapp werden dieses Jahr, melden die Bauernverbände.

Doch das Prinzip Hoffnung hat viele treue Jünger um sich geschart. Die Chinesen handeln, wo andere hadern. Uhren und Turnschuhe kann jeder. Seidenraupen waren gestern. Heute ist: das künstliche Ei. Hergestellt aus Natriumalginat, Alaun, Natriumbenzoat, Glucono-delta-Lacton, Carboxymethylcellulose, Calciumcarbid, Lysin und Farbstoff für das „Dotter“. Eiweiß und Eigelb werden durch eine Ummantelung mit Calciumchlorid getrennt, die Schale besteht aus Gips und Paraffin. Den Preis unterbietet kein Huhn.

Es gibt angeblich Kurse, in denen man für 600 US-Dollar die Eierherstellung an einem Wochenende lernt. Inklusive Werkzeug und Formen. Leicht können wir uns vorstellen, dass mancher Fondsmanager oder Wirtschaftsminister so sein Handwerk erlernt hat. Man soll Kompaktkurse keinesfalls unterschätzen. Die Eier lassen sich als Spiegeleier braten und sind für Nichtexperten kaum von „gelegten Eiern“ - hoffnungslose Fälle sagen „echte Eier“ - zu unterscheiden. Na gut. Außer natürlich man isst sie. Geschmack: null bis seltsam. Aber es gibt Wichtigeres. Die Hoffnung obsiegt. Und kein Huhn wird ausgebeutet.
Der Oskar Lafontaine der Ernährungswissenschaftler, der chronisch kritische Udo Pollmer, bemerkte schon vor einigen Jahren, dass die künstlichen Eier bei uns doch eigentlich super ankommen müssten. Kein Cholesterin, kein Fett. Ein Traum. Sowieso verwende die Nahrungsmittelindustrie sie längst, als Eipulver. Da will wohl einer mit seinem Gequengel alle Hoffnung zunichte machen!

Die Erlösung für Hoffnungslobbyisten: Im Materiallager jedes Eiermachers finden sich große Mengen Calciumchlorid und Alginat. Beide Zutaten der Molekularküche. Auch die Technik, mit der Eigelb und Eiweiß umhüllt werden, nutzt die Küchenavantgarde. Die chinesischen Eierfälscher also auf den Spuren des spanischen Großmeisters Ferran Adrià. Das Kunstei als Kunst-Ei.

Man könnte nun meinen, der deutsche Eiermarkt wäre wie die USA: Zu seiner Rettung auf China angewiesen. Und auf Rettungseierpakete aus dem fernen Osten warten.
Doch was geschieht? Die chinesische Regierung geht hart gegen die so genannten „Eierfälscher“ vor. Während der Westen verstaatlicht, was noch zu retten ist, stoppen die sozialistischen Turbokapitalisten innovative Ideen zur Hoffnungsproduktion mit Polizeigewalt. Tatsächlich ist unser Kunst-Ei überdies wesentlich älter als Ferran Adrià und die Industrialisierung Chinas. Es wurde bereits um 1900 erfunden – in den USA. Nicht bei der Natur abgeschaut, sondern mal wieder im Westen. Wir hättens uns denken müssen, dass so etwas nur aus dem Heimatland der Hoffnung kommen kann. Zum verzweifeln, dass sich das geniale Konzept trotzdem bisher nicht weltweit durchgesetzt hat.

Unverzagt schulterzuckend wenden wir uns einer Frage zu, die zu lange vergeblich auf ihre Beantwortung hoffte. Was war zuerst: Huhn oder Ei? Nun ist die Sache klar. Kein Huhn. Aber viele Eier. Huhn und Ei sind wie Realwirtschaft und Finanzwirtschaft. Das Hoffnungsgeschäft ist wirklich nichts für Weicheier. Aus künstlichen Eiern schlüpfen übrigens zumeist keine Küken. Inwiefern hoffen da wohl hilft? (ds)

Freitag, 3. April 2009

BONBONNIÈRE (35)

„Die gute Nachricht!“

Wer jetzt wieder eine Exegese des Sonntagsevangeliums erwartet, den muss ich leider enttäuschen oder – wohl in der Mehrzahl – beruhigen. Vielmehr startete die „Rheinische Post“ – ein Zwischenmedium zwischen „Bild“ und „Welt“ – beim Ausbruch der Wirtschaftskrise eine gleichnamige Kampagne, bei der die untere rechte Ecke der täglichen Titelseite eben einer „guten Nachricht“ vorbehalten sein sollte. Was könnte also die „gute Nachricht“ der ausgehenden Woche sein?

Vielleicht, dass eine besondere Privatisierung bei der Bahn vollzogen wurde. Der Zug „Einsicht in Fehlverhalten“ war zwar schon längst abgefahren, der Zug für den Börsengang schon viel länger, aber letztlich trat der oberste deutsche Bahnfahrer, Hartmut Mehdorn, dann doch noch von der Bahnsteigkante zurück.

Vielleicht war die „gute Nachricht“, dass die Queen anscheinend doch nicht „not amused“ war als ihre Nachfolgerin als First Lady einer Weltmacht, Michelle Obama, ihr die Hand umarmend auf den Rücken legte. Vielmehr erwiderte sie die vertrauliche Geste, obwohl sie jedem Hofprotokoll wiedersprach.

Aber auch der Anlass des Treffens der beiden Damen wäre ein Bewerber um die „gute Nachricht“ der Woche. Die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer ziehen an einem Strang und einigen sich auf ein Rettungspaket für die Weltwirtschaft im Umfang von „1100 Milliarden Dollar“ – die Billion scheint bei den Regierungschefs zur Unzahl geworden zu sein, weil sie das Ausmaß der Katastrophe nur noch offensichtlicher machen würde. Aber immerhin, Politik kann noch handeln – „gute Nachricht“ – ob das Handeln Früchte trägt – „gute Nachricht“ von morgen?

Einer der lange gehandelt hat und dann lange nicht, ist eine weitere „gute Nachricht“ wert: Helmut Kohl. Nein, dass er heute seinen 79ten Geburtstag feiern kann, was nach seinem Sturz im vergangenen Jahr nicht als sicher gelten konnte, bringt ihn nicht auf diese Liste. Die „gute Nachricht“ besteht eher darin, dass Helmut Kohl den „Osgar“ bekommen hat. Wer nun glaubt, es handele sich um einen Tippfehler, bedarf wohl einer kurzen Belehrung: Der „Osgar“ ist der Preis der „Bild“-Zeitung für Menschen, die sich um „Frieden, Freiheit und das Zusammenwachsen Deutschlands“ verdient gemacht hat. Aber da Kohl diesen Preis bereits vor vier Jahren mit Michail Gorbatschow bekommen hat, reicht das nicht zu einer guten Nachricht – heuer bekommt er ihn nur noch mal, da damals Bush sen. leer ausging und man einem Bush, auch wenn er sen. ist, wohl alleine keinen Preis zukommen lassen kann. Erst wenn man die Form des Preises sieht, erkennt man die „gute Nachricht“, besonders für das gebeutelte Gesundheitssystem: die Trophäe sieht aus wie ein künstliches Hüftgelenk. Ein weiterer Sturz von der Treppe würde die Kassen also nicht belasten.

Aber mit dem leidigen Thema „Krankenkassen“ soll diese „gute Nachricht“-Bonbonnière natürlich nicht enden. Vielmehr soll der am Ende mit der „guten Nachricht“ der Woche ausgezeichnet werden, der auch in unruhigen Zeiten – wenn auch mit ein bisschen Verspätung –, den Menschen die Sorgen vergessen lässt und ihre Herzen öffnet: Frühling, ja DU bist’s! Dich hab ich erkoren! (sm)

Freitag, 27. März 2009

BONBONNIÈRE (34)

Meine Damen und Herren: Ich nehme Sie mit auf eine Expetition in die Tiefen der Bundestagsliegenschaften. Wir begeben uns in den folgenden Minuten auf die Suche nach Treppenhaus Null-Sechs.

Treppenhaus Null-Sechs ist deswegen von so herausragender Bedeutung, weil es der einzige Übergang vom Arbeitsbereich zur Besuchertribüne ist, die Schnittstelle zwischen dem öffentlichem und professionellem Bereich des Bundestages, kurz: Es ist die Schnittstelle zwischen Politik und gemeinem Volk.

An anderen Orten wurde von Mitarbeitern des Bundestages bisher schon vergeblich versucht, auf die Besuchertribüne zu gelangen. Die gängige Bewegungs- oder Funktionslogik im Bundestag ist folgende: Hat man mit dem Hausausweis eine der Liegenschaften einmal betreten, so kann man überall hin gelangen. Alles ist mit einander verbunden. Man kann vom Ausschuss im Paul-Löbe-Haus unterirdisch (über diverse Laufbänder) in die Kantine im Jakob-Kaiser-Haus spurten oder überirdisch, in luftigen Höhen über die Spree ins Marie-Elisabeth-Lüders-Haus wandeln. Man kann auch, wenn es das selten sonnige Hauptstadtwetter einmal erlauben sollte, unter freiem Himmel die gewünschte Destination ansteuern. Nur die Besuchertribüne, die erreicht man als Mitarbeiter des Bundestages nur über Treppenhaus Null-Sechs.

Es sei denn, man möchte sich mit den ganzen Touristen, deren Sache die Besuchertribüne eigentlich ist, in einen Aufzug zwängen. Aber das will man ja meistens nicht. Das Problem ist jedoch oft, dass man Treppenhaus Null-Sechs nicht so einfach findet. Wie oft sieht man verwirrte Praktikanten immer im Kreis um den Plenarsaal laufen, dabei versuchen sie, am imposanten Bundesadler vorbei die richtige Reichstagsecke mit Treppenhaus Null-Sechs und dem Hausausweiskontrolleur zu erspähen.

Unterirdisch gibt es einen Trick, und da sage noch einer, der Bundestag sei nicht doch nah am wahren Leben: Vom Jakob-Kaiser-Haus kommend, über das Laufband und an den Geldautomaten vorbei, erblickt man nach dem ersten Treppenhaus (das eben nicht Null-Sechs ist, zwar in verwirrender Manier einen Knopf für die Besucherebene Z besitzt aber dennoch nicht dort hält!) ein pfeilförmiges Schild: „Durstig?“ steht dort auf rotem Grund, von spritzigen weißen Sprudelblasen zu Werbezwecken umkränzt. Und da ist man richtig: Dem Pfeil darf man jedoch nicht folgen, sondern muss entgegen der angezeigten Richtung fortlaufen: Da ist Treppenhaus Null-Sechs. (dle)

Freitag, 20. März 2009

BONBONNIÈRE (33)

„Die Berliner“, sagt Anneliese Bödecker, „sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch. Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen wo man geht und steht“ – aber wenigstens, könnte man entgegnen, liegen keine eingestürzten Häuser im Weg. So wie in Köln.
Dort nimmt man ja alles nicht so genau. Bauvorschriften: scheiß drauf, et hätt noch immer jot jejange. Und dann Augen zu und hoffen, dass alles hält. Et kütt wie et kütt. Und manchmal geht’s schief.

Jetzt weiß niemand mehr, wie das eigentlich mal angefangen hat mit Köln, damals zur Römerzeit. Oder halt, war es überhaupt so? Alle Kölner, die noch einigermaßen gut beisammen sind (also alle, die nicht im Stadtrat, nicht im Aufsichtsrat der Stadtsparkasse, nicht in der Bauaufsichtsbehörde und allen anderen Behörden sitzen und die keine Firma haben und mal bei einer öffentlichen Ausschreibung mehr Leute kannten als alle anderen), all die sollten schnellstmöglichst zum Griffel greifen und ihre Erinnerungen aufschreiben. So könnte wenigstens ein bisschen was für die allgemeine Erinnerung getan werden, viel ist es nicht, aber in 2000 Jahren…

Wie jedoch finden die aktuellen Kölner ihre Identität wieder? So schwer ist das nicht: Sie müssen etwas Besonderes finden, ein Symbol für die Stadt, ein Maskottchen, und dann ein Museum drumrum bauen. Das machen die Berliner auch so. Bislang war noch niemand drauf gekommen und hatte gleichzeitig 5 Millionen für die Umsetzung unterm Kopfkissen liegen. Aber jetzt ist es soweit: Das Museum für die Currywurst kommt! Schön passend neben dem weltbekannten Checkpoint Charlie soll es hingesetzt werden, wo eh’ schon genug amerikanische, japanische und dänische Gäste rumlatschen um mal ein paar Euros in eine Schau zu investieren, die das von Berlin zeigt, was es ausmacht: Currywurst in all seinen Facetten, dargestellt in einem beeindruckenden museumspädagogischen Konzept: mit einer begehbaren Imbissbude (hui!) und einer Hörstation in Form einer Ketchupflasche (ola!).

Auf Köln gemünzt bedeutet das: Baut Hennes VII. ein Denkmal! Berlin mag die die Currywurst erfunden haben und darauf ist es jetzt noch stolz. Aber dafür lässt kein Fußballverein außer der 1. FC Köln sämtliche Tierschutzvorschriften außer Acht und scheucht zu jedem Heimspiel einen leibhaftigen Geißbock in ein kochendes Stadion. Sieben Ziegen haben das schon mitmachen müssen, Hennes VII. starb vor einer Woche, an einem Freitag, dem 13. In seine Amtszeit fielen zwei Abstiege, der arme Kerl hatte also einiges mitzumachen, aber er blieb zäh und stand zu seinem FC. Hennes steht damit auch ein bisschen für die Bürger der Stadt, die das versammelte politische Unvermögen in Köln mit Gelassenheit ertragen. Und deshalb sollte Hennes als Symbol für den Kölner Gleichmut und Identitätsstifter für die Stadt ein Museum bekommen. Mit einer begehbaren Futterkrippe und einer Hörstation in Form von Ziegenbockhörnern. (chö)

Freitag, 13. März 2009

BONBONNIÈRE (32)

Gewisse Situationen erfordern unverzügliches Handeln, Alarmismus, Ruckreden. Ruckedikku, Blut ist im Schuh, der Schuh ist zu klein, die Krise zu groß. Zu leicht entwischen uns in diesen Wochen des Zittern und Bibbern, des Zetern und Mordios, die Informationen, zu leicht gehen sie uns durch die Rezeptionsmaschen. Die Krise schwappt auf immer weitere Bereiche über, die Wasserstandsmeldungen überschlagen sich. Hypo Real Estate, Märklin, Hypo Real Estate, Schießer, Hypo Real Estate, Schaeffler, Hypo Real Estate, Opel, Schaeffler, Opel, Kölner Stadtarchiv, Opel, Opel, Opel. Bei Opel stehen 25.000 Existenzen auf dem Spiel, das verdrängt alles andere mehr und mehr aus den Schlagzeilen, dabei sind’s bei Schaeffler 30.000, das kannte aber gestern noch keiner. Opel kennt jeder, denn jeder Popel fährt einen, und darum ist’s auch systemisch, genau wie die Banken, denn wenn die Banken kranken, schwanken, wanken, kann der Rest gleich mit abdanken. Ohne Schießer kommen wir aus, schweren Herzens auch ohne Märklin, aber Banken sind systemisch, und Opel ist es auch. 25.000!

Verglichen mit 25.000 ist 7.200 noch nicht mal ein Viertel. Aber 7.200 sind immerhin mehr als die 2.000 Mitarbeiter von Schießer, die 2.000 von der Hypo Real Estate, die eh alles Scheißyuppies sind, und die 1.000 von Märklin zusammen. Also vergessen wir für einen Moment Opel und widmen wir unsere Aufmerksamkeit der NPD. Diese sympathische Massenmörderintegrationspartei steht vor der Zahlungsunfähigkeit. Von der Bundestagsverwaltung gibt's kein Cash mehr, und jetzt hockt die NPD da mit 110.000 Euro Personalkosten bei 30.000 Euro Einnahmen aus Beiträgen und Spenden, also einer Deckungslücke von 80.000 monatlich. Zudem stehen noch 1,9 Millionen Zahlungsverpflichtung ins Haus. Na klar, es gab auch Management-Fehler, zu viel Geld wurde in Möbelhäuser investiert (und in Kleiderständer bei kik?). Auch der Einstieg dieser V-Mann-Heuschrecken ist der Unternehmensführung nicht gut bekommen. Aber im Grunde genommen ist die NPD doch ein gesunder Volkskörper. In den Jahren 2004 bis 2007 hat die Partei teilweise elektorale Zuwachstraten hingelegt, auf die Ackermann in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen wagt. AlsVolksverhetzungspartei ist die NPD einfach too big too fail.

Deswegen muss die Große Koalition jetzt verantwortungsvoll handeln und ein paar Staatsbürgschaften springen lassen. Nein, nicht Staatsbürgerschaften, schon gar nicht doppelte. Das würde die NPD allenfalls mittelfristig wieder auf die Beine bringen. Es muss jetzt unverzüglich gehandelt werden. Es geht ja nicht nur um 7.200 Parteimitglieder, die entgegen Gerüchten nicht alle vom Verfassungsschutz alimentiert werden, die mir nichts, dir nichts, auf der Straße stehen könnten, zum Leidwesen auch der Passanten mit Migrationshintergrund. Auch die NPD ist doch systemisch! Man muss sich von ihrer Polemik gegen die „Systemparteien“ nicht irritieren lassen: Ohne die NPD drohen in Ostdeutschland ganze Parteiensysteme zusammenzubrechen. Wenn Opel zusammenbricht, bleiben immer noch VW, Ford, Mercedes, BMW, Audi. Wer aber soll die Lücke füllen, die die NPD hinterlassen würde? Die DVU? Nach dem Rückzug ihres Chefinvestors Frey dem Untergang geweiht. Die Republikaner? Schon seit Jahrzehnten in Agonie. Das ambitionierte Start-Up des Ronald Schill war auch nur eine elektorale Blase. Das absehbare Verschwinden all dieser politischen Unternehmer vom Wählermarkt könnte eine weitere Expansionsphase der NPD einleiten, wenn nur die Bundesregierung bereit ist, bei der Überbrückung der derzeitigen Durststrecke Hilfe zu leisten. Bereits die Europawahl im Juni könnte der Partei wieder Spielräume verschaffen. Im Herbst stehen dann Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg an, Hauptabsatzmärkte für die Demagogiebranche, außerdem noch die Bundestagswahl, da könnten sich die Nationaldemokraten doch wieder aus dem Quark strampeln. Geht die NPD jetzt in die Knie, da muss man den Tatsachen ins Auge sehen, stünden viele Protestwähler vor der Nichts-Wahl. (vb)

Freitag, 6. März 2009

BONBONNIÈRE (31)

Es war einmal ein schniekes Dorf in den Bergen, das von einem kecken kleinen Mädchen auf Trapp gehalten wurde – der Heidi. Heidi hütete die dicken Kühe und Schafe, die älteren im Dorf und sogar die ganz kleinen Scheißerleins. Dieses idyllische Fleckchen Erde wussten vor allem die Talbewohner zu schätzen, die von unten stets neidisch auf die immer wohlig qualmenden Schornsteine der adretten Berghütten blickten. Wenn sie lange genug bettelten bekamen sie über eine Nackenstarre hinaus auch etwas Zuwendung. „Heidi, lass deine Milch und deine Butter herunter!“ riefen sie wehleidig. Und Heidi ließ ihre Milch und ihre Butter herunter. Immer in Maßen, nie zuviel.

Heidi ging im Helfen auf, sie sah es als ihre Bestimmung. Die ganze Anerkennung, die ganze Berühmtheit, das ganze Lob. Und erst die Belohnungen des Opas. Für jede gute Tat ihrerseits durfte ihr Freund Peter eine Nacht in ihrer Hütte pennen. Doch manchmal plagten sie schlaflose Nächte ohne Peter und voller Existenzangst. Was, wenn die Taldörfer plötzlich genug eigene Milch und eigene Butter produzierten? Was, wenn niemand mehr ihre Hilfe benötigte? Bei solchen Gedanken zitterte Klein Heidi am ganzen Körper. Und so kam es, dass immer öfter überschüssige Milch auf den Bergwiesen verschüttet wurde. Nicht nur, weil der Milchtransport ins Tal zu aufwändig gewesen wäre, sondern auch, weil Heidi die Täler nicht an Befriedigung gewöhnen wollte. Welch Tugend die Not doch war.

In einer plötzlich auftauchenden Welle der wirtschaftlichen Ungenügsamkeit erkannte Heidi Gottes Antwort auf ihre Gebete. Diese Welle war in Hintertutzingen gestartet, hatte Oberurgauungingen plattgemacht und breitete sich erbarmungslos im restlichen Tal aus. Ein Stückweit schwappte sie auch die Berge hinauf, aber eben nur ein Stückweit. Was sich Heidi nun präsentierte, erfüllte ihr Herz. Wimmern wo sie nur hinhörte, bettelnde Blicke wo sie nur hinschaute. Kurz entschlossen schickte Heidi Hilfskonvois in die Täler, ganze Scharen von dick bepackten Eseln stürmten zur Rettung. Natürlich durften sich nicht alle Dörfer an Heidis Güte erfreuen; wo bliebe da der Überraschungseffekt?

Oberunterhausen strich Heidi von vornherein von ihrer Liste. Die Gemeinde könne sich unmöglich über die Verteilung der Ressourcen einig werden. In Wunderdorf hingegen hatte sich Heidi einmal verlaufen und dank der lieben Wunderdörfer wieder nach Hause gefunden; Wunderdorf stellte somit eine Toppriorität dar. Anders Ellersheim, hier hatte der Gemeindepastor sie beim letzten Sonntagsspaziergang nicht zurück gegrüßt. Hasta la vista, Ellersheim, lachte Heidi. Während sie hoch oben auf ihrem Berg wild mit ihrem Zeigefinger gestikulierte und aus der Ferne über Leben oder Tod der unzähligen Taldörfer entschied, machte sich in ihr ein warmes, immer heißer werdendes Gefühl breit. Sie strahlte, sie glühte. Und dachte insgeheim: Ach wie gut, dass niemand weiß… (nm)

Freitag, 20. Februar 2009

BONBONNIÈRE (30)

Der Sparer hat kein gutes Image. Wer spart, gilt als knauserig und verkrampft. Wer lässt sich schon gerne einen Geizhals schimpfen oder einen Pfennigfuchser? Einfach mal über die Stränge schlagen hingegen und nicht an morgen denken — das hat Stil, das ist dandyhaft und lässig. Gerade in unserer Zeit der allgegenwärtigen Krise beweist der Prasser geistige Unabhängigkeit und reagiert auf das öffentliche Gejammer und Gezeter mit Taten: Verschwendung setzt den nötigen Kontrapunkt zum Angstsparen. So schwierig ist das gar nicht.

Hollywoodstars machen es seit jeher vor, und demonstrieren — jenseits von Champagner-Duschen in St. Tropez — lässigen Umgang mit dem schnöden Mammon. So etwa Tom Hanks, der kürzlich an der Kasse einer exquisiten New Yorker Modeboutique einen Umschlag voller Tausender liegen ließ. Versehentlich, konnte man vernehmen. Das hat Stil, das ist dandyhaft und lässig. Denn es gibt keinen Ärmeren auf der Welt — so Arthur Schnitzler — als den Reichen, der es nicht versteht, zu verschwenden. Doch der wahre Reiz, so möchte man ergänzen, besteht darin, auch noch zu prassen, obwohl man fast nichts hat.

Man nehme sich hierfür unsere Koalitionspolitiker zum Vorbild. Im Angesicht heranrückender Wahlen trotzen sie der Krise mit immer neuen Geldgeschenken an die Wähler: Kindergeld hier, Elterngeld da, Hartz-IV-Sätze rauf, Wehrsold auch, neue Straßen und neue Autos, wer eins kauft bekommt was geschenkt. Die Kassen sind leer — aber bei einem Schuldenberg von 1,5 Billionen Euro kann man sagen: Das hat offenbar noch keinen Politiker am Geldausgeben gehindert. Das ist mal eine Haltung.

Das gemeine Volk tut sich damit bekanntlich schwerer — aber auch hier ist Besserung in Sicht. Dass sich auf diesem Feld in Deutschland viel getan hat, kann man nirgends besser ablesen als an der beherzten und massenhaften Investition mühsam zusammengesparter Kleinvermögen in die Telekom-Aktie. Seitdem hat das Modell der Telekom viele Nachahmer gefunden, und wer sein Geld schnell und sauber loswerden will, dem eröffnet sich heute eine ganze Palette von Alternativen. Die Telekom hat die sorglose Geldvernichtung auch für den kleinen Mann salonfähig gemacht.

Konsequent ist, was sich vor kurzem im Elektrostahlwerk Henningsdorf bei Berlin ereignete. Die Postbank, die natürlich tief in den roten Zahlen steckt, hat dort einen mit 170 000 Euro gefüllten Tresor verschrotten lassen. Versehentlich, konnte man vernehmen. Beim Entladen eines Schrotttransporters flatterten den Arbeitern plötzlich mehrere tausend Geldscheine entgegen. Es ist dieser so sorglose und unverkrampfte Umgang mit dem Geld, der uns auch die schwerste Krise aushalten lässt. So schwierig ist das wirklich nicht. (mh)

Freitag, 13. Februar 2009

BONBONNIÈRE (29)

Wo ist deine Power bloß, grauer Glos, du Trauerkloß? Die Häme der Feuilletons dieser Republik ergoss sich nach dem vergangenen Wochenende über den Wirtschaftsmüllermeister. Keine Glosse ohne Glos, mal abgesehen von den Zeilen, die uns den Zusammenhang von Kommunikation, Exkommunikation und Ex-Exkommunikation verdeutlichen sollten – hierzu sei abschließend festgestellt: (Ex-)Exkommunikation ist auch eine Form der Kommunikation, aber nicht jedes (Ex-)Exkommunikations-Problem ist auch nur ein Kommunikations-Problem.

Welch Verkennung des Talents dieses glosen Mannes, ihn als trotzigen Jungen darzustellen, der quängelt, ihm höre ja ohnehin keiner zu und die Mama Merkel habe den Peer eh viel lieber als ihn. Der in einem Ministerium abhängt, von dem er nichts versteht und das ihn nicht versteht. Der stolz behauptet zu wissen, was ein Vermerk ist, aber den Finanzminister darum beneidet, dass man ihm was aufschreibt. Der Ordnungshütern über die Ordnungshüterfüße fahren lässt, weil er so aus dem Häuschen darüber ist, dass Mama ihn gebeten hat, den kasachischen Präsidenten an ihrer Statt zu empfangen. Oder weil es seine einzige Chance ist, in Zeitungen Erwähnung zu finden?

Aber ist das Verkannt-Werden nicht das Los des wahren Genies, weil die Tragweite seines Handelns dem Normalsterblichen verborgen bleiben muss? Weil seine Synapsen sich ein entscheidendes Mal mehr krümmen und Otto-Normaldenker bei der geistigen Nachverfolgungsjagd japsend hinter der Ecke zurückbleibt? Der Reform-Impetus dieses Glos-Moguls ist jedenfalls nur zu vergleichen mit jenem seines Namensvetters Gorbatschow. Müller Michel hat im Alleingang am Kabinett und der Kokonkanzlerin vorbei nichts weniger als seine eigene Glosnost-Politik verkündet. Eine Abwrackprämie für ausgebrannte Politiker, das war doch die Maßnahme, nach der das Volk sich verzehrte, die in den Konjunkturpaketen 1 und 2 so schmerzlich fehlte.

Und wie glosmeisterlich er das umgesetzt hat! Nicht zufällig ging das Fax für Seehofer zu jenem nach Hause. Dass der Horst nicht bei seiner Frau sein würde, hatte sich der Michel an einer Hand abgezählt…. So wurde der große bayerische Horsdini entzaubert, der sich doch jüngst mit einer Vielzahl von Tricks profiliert hatte, wie der Aufblähung der gerade auf Normalmaß geschrumpften CSU und dem Verwandeln eines netten Umweltgesetzbuches in ein ausgewachsenes bürokratisches Monster, das er anschließend auf offener Bühne verschwinden ließ. Denn als er in seinen Personalhut griff, da war der leer, und als da schließlich doch noch ein wohlgegelter Berufsfranke herauspurzelte, hatte jeder im Publikum den doppelten Boden gesehen. Langweilige Nummer, die hat er doch schon vor ʼnem halben Jahr gebracht. Bei der damaligen Generalsekretär-Beschwörung hatte wenigstens noch die Anzahl der Vornamen beeindruckt. So aber wird die Glosnost-Politik wie auch schon bei Gorbi nur dazu dienen, Akzeptanz für die Peerstroika zu schaffen. Und dann wär Glos: ein Gernegroß. (vb)

Dienstag, 27. Januar 2009

LA REPRISE

Lange genug pausiert — am 13. Februar startet die neue Saison!

Freitag, 29. August 2008

BONBONNIÈRE (28)

Angela Merkel, Michaëlle Jean, Helen Clark, Ségolène Royal und Hillary Clinton – Frauen erobern die Welt bzw. sie versuchen es. Und das nicht nur in der Politik. Nein! Was wäre das Fernsehen ohne die adrette Maybrit Illner oder die kesse Anne Will? An den Universitäten verzeichnete das Statistische Bundesamt 2005 das erste Mal mehr Absolventinnen als Absolventen. Und auch an den Gymnasien sind prozentual mehr Mädchen als Jungens zu finden. Die Mädchen und Frauen von heute - überall drängeln sie sich hinein. Zu verdanken haben sie ihre Chancen vor allem der Frauenbewegung der 1970er Jahre, deren Mitwirkende Frauenquoten und andere Instrumente der Frauenförderung erstritten. Doch wir haben die Nase voll von dem Gequatsche über Geschlechtergleichheit und den armen Frauen, denen immerzu Vorrang eingeräumt werden soll; uns dreht sich der Magen um, wenn es in Stellenanzeigen heißt, dass Frauen und Schwerbehinderte bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt werden würden. Es reicht! Langsam wird es Zeit, mal wieder die Männer zum Zuge kommen zu lassen. MÄNNERFÖRDERUNG lautet daher das Gebot der Stunde.

Jungen werden später eingeschult, bleiben häufiger sitzen und sind nur noch zu 46 Prozent an Gymnasien vertreten. Ein Grund dafür ist – so behaupten einige Wissenschaftler – die „Feminisierung der Schule“. Jungen fehle sowohl in den Kindergärten als auch in den Grundschulen die männlichen Vorbilder, die ihnen geschlechtsspezifisches Verhalten vorleben. Auch könne weibliches Lehrpersonal die Kinder nicht in typische männliche Arbeitsbereiche einweisen. Das heißt: Ausgerechnet dann, wenn Kinder in dem Alter sind, sich für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern und eine wichtige Grundlage gelegt werden kann für ihre einzige und wahre Zukunft (denn das die Geistes- und Sozialwissenschaften eine brotlose Kunst sind, wissen wir ja alle aus eigener leidvoller Erfahrung zur Genüge), werden sie durch das dumme Frauenpack versaut! Nicht mit Puppen sollen Kinder spielen. NEIN! Chemiebaukästen oder Spielzeugwaffen müssen her. Erst dann werden sie später bestens gerüstet sein, Deutschlands Interessen wo auch immer in der Welt zu verteidigen.

Eine Lösung für die Misere ist schnell gefunden: Im Sinne der Männerförderung muss eine Männerquote eingeführt werden – die Schweden könnten als Vorbild dienen. Allein so ist gewährleistet, dass nicht nur die Männer von morgen gefördert werden – nein, auch die Männer von heute können endlich in Berufsfelder eindringen, die ihnen bisher verschlossen geblieben sind. Denn wir sollten uns nichts vormachen – es gibt nicht nur die gläserne Decke, sondern auch den gläsernen Boden: Wer als Mann herabsteigen will, in eine Berufswelt, die geprägt ist von angeblich frauentypischen Dienstleistungen und damit auch schlechter Bezahlung, dem wird es nicht einfach gemacht. Ganz im Gegenteil! Männer, die beruflich mit Kindern zusammenarbeiten möchten, also genuine Frauenarbeit verrichten, sind in unserer Gesellschaft doch eher in der Kategorie „Weichei“ zu verorten, wenn nicht sogar extremeres unterstellt wird (nicht, dass die sexuelle Orientierung eines Mannes im Entferntestes etwas über seine Qualitäten in der Kinderbetreuung aussagen würde). Nun eröffnet sich aber ein Dilemma: Wollen und können wir Männer durch eine Quote dazu bringen, einen „weiblichen“ Beruf zu ergreifen? Sind nicht diejenigen, die eine Ausbildung in diesem Bereich absolvieren genau die „Kuscheltier-ins-Regal-Steller“, die wir uns nicht als Vorbild für unsere Jungs wünschen? Wollen wir nicht eigentlich einen markigen Mann, der weiß, was er will? Einen, der den kleinen Einsteins von morgen (und vielleicht sogar den Mädchen, aber für die gibt es ja schon den „Girl’s Day“) naturwissenschaftliches Wissen vermitteln kann und ihnen zeigt, wo der Hammer hängt?

Vielleicht funktioniert auch deswegen in Schweden die Quote nicht (oder liegt es etwa doch an der schlechten Bezahlung und der geringen gesellschaftlichen Wertschätzung von Betreuungsleistungen?). Dann bleibt doch am besten alles beim Alten. Die Kindergärtnerin gibt ihr Kind zur Tagespflegeperson (die in der Regel eine Tagesmutter und kein Tagesvater ist!), um dann an ihrem Arbeitsplatz fremder Leuts Kinder zu betreuen und zu fördern. Indem sie die Jungen zum Puppenspiel anregt. Juhu! (sf)

Freitag, 8. August 2008

BONBONNIÈRE (27)

Mit viel Brimborium werden heute die Epolympischen Sommerspiele in Peking eröffnet. Die chinesische Hauptstadt wird damit für zweieinhalb Wochen zum Epozentrum einer Epo…, äh, Euphorie, die Millionen Menschen zwischen dem nördlichen und dem südlichen Epolarkreis vor ihren epolychromen Bildschirmen fesseln wird. Die Epolemik des Epokzidents über die von den chinesischen Epotentaten frisch mit epolympischen Weihen versehenen, zugegebenermaßen ein wenig epolarisierenden Disziplinen Zensurreiten, Fackellaufen der Sonderkommandos und Epositionellenwatschen werden bald nur noch kleinlich erscheinen. Auch Klagen über die liebesdienerischen Epologeten des Epolympischen Komitees werden in den Geschichtsbüchern nur noch Eposode sein. Zentral geht es hier doch um Sport…-medizin. Und hier sind die 29. Epolympischen Sommerspiele einfach epochal: 11.000 Spritzensportler aus aller Welt (für deren Unterbringung gigantische epotemkinische Dörfer errichtet wurden) werden sich in 302 Wettbewerben und 4500 Dopingtests miteinander messen, und am Ende werden die Besten und Ungetestetsten im Epodrom aufs Epodest gehoben und in Sieger-Epose auf Epolaroid gebannt.

Vorbei die Zeit, als bornierte Saubermänner wegen ein paar Präparätchen die Epokalypse ausriefen und die doch so epopuläre Spritz-Tour aus dem öffentlich-rechtlichen Programm kippten, so dass das Epotenzial von hormongeschwängerten Körpern nur noch auf Sat 1 ausgeschöpft wurde: Jetzt können wir wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestaunen, wie Menschen an ihre physischen Grenzen und mit Hilfe eines kleinen Griffes in die Epotheke nicht nur leistungsmäßig über diese hinaus gehen, sondern auch die Körpergrenzen selbst transzendieren: Athletinnen mit Haaren auf dem Rücken und Männer mit spitzen Tittchen. Der sportmedizinische Fortschritt schafft den neuen Menschen und fördert die Gleichheit der Geschlechter durch eine gerechte Verteilung von Testosteron und einheitlich rote Apfelbäckchen. Weltrekorde werden in Peking wie Manna vom Himmel regnen und Bestzeiten sich in einer endlosen Spirale nach oben schrauben wie bei einer gigantischen Spekulationsblase, und allen epodiktischen Moralisten, die in den heiligen Momenten solch epochaler Leistungen immer noch ein eposchales Gefühl beschleicht, sei gesagt, dass es bei den klassischen epolympischen Sportarten zu der Wieder-und-wieder-Überbietung persönlicher und genereller Bestmarken, die nun mal eine gewisse medizinische Begleitung erfordern, nur eine einzige Alternative gibt: gähnende Langeweile. Denn der unendlichen Monotonie des leichtathletischen Bewegungsablaufs kann nur durch die Faszination der Zahlen wirklicher Glanz verliehen werden. Höher, schneller, weiter, muss gesprungen, gelaufen, geworfen werden, was soll denn sonst das Gehopse, Gerenne und Gedöns, dann kann man’s ja gleich lassen.

Epolog: Drepo Chinepo mit dem Kontrepobepo / sepo auf der Strepo und erzepo sich wepo / da kepo die Epolizei, frepo „Wepo ist denn depo?“ / Drepo Chinepo mit dem Kontrepobepo. (vb)

Freitag, 1. August 2008

BONBONNIÈRE (26)

Wenn du schon auf den Mund fall’n musst, warum dann nicht auf meinen? – Schon viele Male hat man gesehen, wie Judith Holofernes diese Worte von der Festivalbühne in die Menge schickt; oder wie die Bandmitglieder von Wir sind Helden Pappschilder mit dem Songtext ins Bild halten, im Musikvideo, das zwischen den Klingeltonwerbespots im so genannten Musikfernsehen lief. So weit, so geläufig.

Die Bühne, auf der die vier am 29. März 2006 spielten, ist dreieinhalb Quadratmeter groß und gleichzeitig der Konzertsaal: Ein Aufzug. Der Song klingt fast wie immer; als Base- und Snaredrum muss die Fahrstuhlwand herhalten, was akustisch zwar den Live- aber nicht den Fahrstuhlcharakter hervorhebt. Warum spielt man Popsongs an einem solchen Ort, und warum ist der Effekt für den Zuschauer, der sich per Mini-Kamera zuschaltet, so enorm - enorm anders? Ist es die offene Konfrontation mit dem Wortspiel, das sich zwangsläufig daraus ergibt: Wir sind Helden machen Fahrstuhlmusik? Weil sie singen: Ich weiß nicht weiter... war ich noch nie, während der Aufzug immer wieder an den selben Stellen die Türen öffnet? Zweifellos ist es der Reiz des Unpassenden und Befremdlichen, der das Alltägliche, das Bekannte auf- und umwertet. Abgezielt wird dabei auf den oberflächlichen Effekt. Tiefergreifende Interpretationen, das Auf und Ab des Aufzugs als selbstreflektiven Akt des Künstlers in der Kommerzmaschinerie des Pop zu verstehen, gehen sicherlich zu weit.

Man kennt nicht nur Konzerte an ungewöhnlichen Orten. Es gibt Comedy im Waschsalon, Operninszenierungen in der Industriehalle und Schauspielaufführungen im Diskounter-Supermarkt. Studenten in Paris hören Vorlesung schonmal in Kinosälen, allerdings aus Hörsaalmangel. Bisweilen wird der Veranstaltung durch ihren ungewohnten Ort nicht nur ein neuer Rahmen, sondern eine ganz neue Bedeutung gegeben. In Bonn etwa, wo Im Frühjahr ebenfalls einige Hörsäle nach draußen verlegt wurden und Vorlesungen und Seminare auf dem Marktplatz, vor dem Metzger stattfanden – um gegen Stellenstreichungen in der Uni zu protestieren.

Auf ganz anderem Feld hat sich das Prinzip „ausgefallener Ort“ schon lange durchgesetzt. So versuchen gelangweilte Paare ihr Sexleben aufzumöbeln, indem sie auf der Flugzeugtoilette, auf der Achterbahn, im Beichtstuhl oder unterm Bett den Coitus vollziehen. Auch hier wird die Reibungsenergie unmittelbar genutzt, die entsteht, wenn man Gewohntes in eine neue Umgebung überführt. Das Neue entspringt, weil man das sichere Gewässer verlässt und das offene Meer sucht, umso mehr, wenn man – bildlich gesprochen – mit der Eisenbahn unterwegs ist.

Wie nah das Triviale dabei manchmal dran ist an der großen Kunst, zeigt folgendes Beispiel: Als ein junger Künstler in München ein Tattoo-Studio besuchte, ließ er sich nicht den Oberarm tätowieren oder den Po, sondern sein totes, ausgestopftes Meerschweinchen. Das pfeildurchschossene Herz – abgedroschene Ikone auf unzähligen Seefahrerkörpern – erschien plötzlich anregend anders, verstörend frisch auf dem toten Tierchen. Der junge Mann wurde in die Kunstakademie München aufgenommen. Altbekanntes auf fremdem Terrain – mit ...war ich noch nie fängt Kunst an. (mh)

Freitag, 25. Juli 2008

BONBONNIÈRE (25)

„Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome! Vielgeliebtes Österreich!“ Seit der EURO 2008 ist die Nationalhymne unseres Nachbarlandes ein paar mehr Menschen geläufig als vor der EM. Und wie es sich unter guten Nachbarn gehört, besucht man sich gelegentlich. Gut, das Verhältnis der beiden Nationen untereinander war nicht immer das Beste: die Österreicher klauten die Kirschen aus Nachbars Garten (Mozart), während uns die Aufgabe zukam die Auswucherungen begrenzender Dornenhecken abzuschneiden (Hitler).

Aber allem nationalistischen und patriotischen Kränkungen zum Trotz, gilt es die Österreicher zu beneiden und sei es nur für zwei Dinge: die Alpen und das Essen. Wer einmal einen 3000er Gipfel erklommen hat und mit dem Hochgefühl der Bezwingung der Natur sich unter dem Gipfelkreuz niederlässt erfährt Gottes Schöpfung ganz neu: Die Weite, die Stille und die majestätische Größe. Man scheint dem Himmel tatsächlich ein Stückchen näher zu sein. Wer mit wachen Augen durch Gottes schöne Natur wandert, wird so einiges entdecken und sich an vielen Kleinigkeiten erfreuen können: Hier zwei Steinböcke, die ihre Hörner im Kampf um die Gunst ihrer Angebeteten wetzen; dort ein Adler der lautlos im Wind seine Kreise zieht; und am Wegesrand blüht der Enzian in seinem königlichen Blau. Wenn man dann nach einem solchen, Körper und Geist erfrischenden Erlebnis am Abend in einer Berghütte einkehrt, fängt der Hochgenuss für den Gaumen erst an: Leberknödel, Tiroler G’röstl, Käsespätzle, Tiroler Speck, Topfen- und Apfelstrudel und natürlich der Kaiserschmarrn…

Aber jede Medaille hat ja bekanntlich zwei Seiten: Kopf und Zahl, Sommer und Winter. In den letzten Jahren wird das erleben der unberührten Natur im Sommer immer schwieriger. Denn anstelle Wanderpfaden und Kühen dominieren Schotterstraßen und Lastwagen die Bergidylle. Und wem haben die Wandersleut das zu verdanken? Dem Skihasen! Dabei handelt es sich um eine Sorte Mensch, der meint, er müsse in seinem Urlaub Skifahren, auch wenn es nicht ausreichend geschneit hat. Und die Schluchtenscheißer tun ihm auch noch den Gefallen: Sie bauen Skilifte auf die entlegensten Gipfel und legen riesige Rückhaltebecken an, um im Winter ausreichend Wasser für den Kunstschnee zu besitzen. Und nicht, dass das Wasser aus einer Bergquelle genommen wird, nein, das wäre zu einfach: Man pumpt es aus dem Tal hoch! Und der Skihase, den stört es einen Sch…dreck, dass die Natur dadurch immer mehr verschandelt wird. Er sieht die Folgen seines Tuns, das mehr aus dem Après- als aus dem aktiven Ski besteht, ja nur im beschaulichen Winterkleid.

Den Schluchterscheißern sei daher geraten sich anstatt um eine neue Regierung zu bemühen sich lieber um eine neue Nationalhymne Gedanken zu machen. Mein Vorschlag:
„Land der Berge! Land der Geldströme! Land der Skilifte! Land des Après-Skis! Vielmissbrauchtes Österreich!“ (sm)

DAS_PROJEKT

Was die von der SZ machen, können wir auch. Warum nicht selbst 'Streiflichter' schreiben? Die BONBONNIÈRE musste also her - der Spielplatz für Gelegenheitsweltliteraten. Eine Dose voller Bon[n]bons und Bon[n]mots, jeden Freitag neu, verfasst von überambitionierten Autorinnen und Autoren aus Bonn und der Welt.

DIE_AUTOREN

Die jeweiligen Autorinnen und Autoren verbergen sich hinter dem Kürzel in den Klammern am Ende des Textes. Wer das ist steht hier:
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'BONBONNIÈRE_ Der Spielplatz für Gelegenheitsweltliteraten' wird herausgegeben von marc holzenbecher, Bonn

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Zuletzt aktualisiert: 21. Mai, 18:17

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